Der Intimizid: Interview mit Profiler Axel Petermann

Dr. Tino Grosche hat sich mit Profiler Axel Petermann über das Thema Intimizid, also die Tötung des Intimpartners unterhalten. Hier können sie das spannende Interview noch einmal nachlesen.

Wie häufig haben Sie erlebt, dass der eigene Ehemann/Partner der Täter bei der Tötung von Frauen war?

Axel Petermann

Häufig! Allerdings hat die nach einem Tötungsdelikt in der Öffentlichkeit verbreitete umgangssprachliche und abwertende Redensart: „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!“, beim Intimizid, also der Tötung des (früheren) Intimpartners, keine Bedeutung. Zwar habe ich bei der Bearbeitung dieser Fälle immer wieder die Erfahrung gemacht habe, dass Delikte dieser Art eher in einem sozialschwachen Milieu passierten. Die Gründe dafür könnten liegen, dass den „Handelnden“ eher eine „Sprachlosigkeit“ sowie soziale Kontrolle und Unterstützung fehlten. Ein bekannter Psychiater, den ich zu diesem Thema befragte, formulierte es allerdings so: „Solche Taten können jeden von uns treffen. Und auch ich kann für mich nicht ausschließen, dass ich im Affekt, in höchster Erregung, meine Ehefrau töten könnte.“

Diese Einschätzung wird durch die Statistik bestätigt: Männer, die ihre (Ex-)Partnerin töten, sind in allen Gesellschafts-, in allen Bildungs- und in allen Einkommensschichten anzutreffen. Das Alter der Täter variiert von jung bis alt, wobei der Altersschwerpunkt zwischen dreißig und vierzig Jahren liegt und somit deutlich höher als bei herkömmlichen Tötungsdelikten. Das höhere Alter der Täter mag darauf zurückzuführen sein, dass das Risiko einer Frau, getötet zu werden, mit der Dauer ihrer Beziehung steigt oder, wenn der Altersunterschied von Mann und Frau über zehn Jahre beträgt. Gründe hierfür sind auch die etablierten Beziehungen, die für den Täter eine hohe Bedeutung besitzen und einen Schwerpunkt in ihrem Leben ausmachen.
Auch, wenn in Deutschland in den vergangenen Jahren die Anzahl der Tötungsdelikte ständig gesunken ist, auch wenn die Medien mit ihrem Präsens und Berichterstattung ein anderes, ein subjektives Bild vermitteln, so beginnt für eine Frau das größte Risiko in ihrem Leben Opfer eines Tötungsdeliktes zu werden, wenn sie sich von ihrem Partner trennen möchte und diesen Entschluss verbalisiert. Etwa jeden dritten Tag stirbt eine Frau aufgrund der Gewalt ihres (Ex-)Partners.

Wer sind die Täter? Gibt es Unterschiede beim Motiv oder der Tatausführung, wenn Männer oder Frauen ihre Partner töten?

Als erstes kann ich sagen: Tötungsdelikte sind Männersache. Das habe ich selbst in fast vier Jahrzehnten bei der Bearbeitung von Tötungsdelikten festgestellt und es ist statistisch erwiesen. Etwa neun von zehn Fällen begehen Männer und meistens sind auch die Opfer Männer: fast doppelt so häufig wie Frauen. Und es gibt noch weitere Unterschiede: Werden Männer getötet, dann können die Täter sowohl aus dem Bekanntenkreis stammen oder sie sind sogenannte Fremdtäter. Werden hingegen Frauen getötet, dann liegt meistens eine sehr enge Beziehung zwischen ihnen und den Tätern vor und die Taten ereignen sich dann fast immer im familiären Umfeld. Der Umstand in einer Beziehung zu leben oder gelebt zu haben, stellt für Frauen das größte Risiko dar, zu irgendeinem Zeitpunkt vom Partner oder Ex-Partner getötet zu werden.

Die Kriminalpsychologie lehrt uns etwas anderes. Die Tötung der (Ex-)Partnerin ist alles andere als der Ausdruck romantischer Liebe. Das Motiv ist nahezu eine Zurückweisung seitens der Partnerin, sei es explizit durch eine vollzogene Trennung oder durch einen empfundenen Mangel an Respekt und Fürsorge. Zum emotionalen Cocktail eines solchen Motivs gehören Kränkung, Wut Rache, Eifersucht, Macht sowie Anspruch auf die ausschließliche (sexuelle) Kontrolle der Frau. „wenn ich dich nicht haben kann, dann soll dich auch kein anderer haben.“ – „Wann eine Beziehung zu Ende ist, entscheide ich!“ Sätze wie diese sind es, die immer wieder das wahre Motiv der Täter enthüllen. Kontrolle bis zum bitteren Ende und um jeden Preis.
Während Männer also töten, um eine Trennung zu vermeiden, töten Frauen in der Regel, wenn sie kein anderes Mittel zur Trennung sehen. Das trifft insbesondere dann zu, wenn sie sich von „ihrem Tyrannen“ befreien wollen oder eine neue Beziehung eingegangen sind.

Obwohl ich nur wenige Taten sogenannter Tyrannenmorde bearbeitet habe, kann ich sagen, dass alle Täterinnen eines gemeinsam hatten: Alle lebten in einer Gewaltbeziehung und töteten den Partner in tiefster Verzweiflung – indem sie ihn in einer wehrlosen Situation, zum Beispiel im Schlaf, erschlugen oder erschossen. Der Grund für diese Tötungen liegt auf der Hand: Nur auf diese Weise haben sie bei ihrer körperlichen und nach all der Erniedrigung auch psychischen Unterlegenheit eine Chance. Allerdings birgt diese Art des Tötens für die Frauen auch ein großes Risiko in der folgenden Bestrafung – viele Gerichte bewerten ein solches Verhalten als heimtückisch und neigen zu einer Verurteilung wegen Mordes. Männer hingegen werden in solchen Situationen eher wegen Totschlags verurteilt, wenn sie ihre Partnerinnen bei einer sogenannten Tötung der Nähe durch Schläge, Würgen, Drosseln und/oder Stiche umbringen.

Dr. Tino Grosche

Immer wieder beginnen Intimizide als Vermisstenfall. Wie kann es sein, dass die Polizei häufig der Version der Täter glaubt?

Der Fall von ??? hatte offensichtlich zunächst unspektakulär als Vermisstenfall begonnen. Ein scheinbarer Routinefall, denn bei konstant rund zehntausend vermissten Menschen in Deutschland, werden jeden Tag etwa 200 bis 300 neue Anzeigen bei der Polizei erstattet beziehungsweise wieder zurückgenommen. Die Gründe für das Verschwinden sind unterschiedlich: Probleme mit dem Partner, Liebeskummer, Schwierigkeiten in der Schule, der Wunsch nach Freiheit und manchmal jedoch auch, weil ein Verbrechen vorliegt.
Allerdings melden sich etwa fünfzig Prozent der Vermissten innerhalb der ersten Woche. Nur etwa drei Prozent von ihnen bleiben jedoch länger als ein Jahr verschwunden. Etwa die Hälfte aller Vermissten sind Kinder und Jugendliche, gut ein Drittel ist weiblich.
Und so dürften die Beamten, denen Ercan F. das Verschwinden seiner Ehefrau schilderte und dabei auch von einer krisenhaften Situation in ihrer Beziehung berichtete, erst einmal seine Version geglaubt haben.

Entscheidend für die Einschätzung der Polizei, welche Gründe konkret für das Verschwinden eines
Menschen gelten, sollte jedoch die Prüfung der näheren Umstände des Fernbleibens sein. Wer ist dieser Mensch, der einfach von einer zur anderen Minute verschwindet und niemanden darüber berichtet zu haben scheint? Wie steht der Anzeigeerstatter zur vermissten Person und von wem ging letztendlich die Initiative aus, dass eine Vermisstenanzeige erstattet wurde. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Männer, die ihre Partnerin töteten dies – trotz latenter Tatbereitschaft – häufig aus der Kraft der Situation taten und, da sie keine Planung für ihr Nachtatverhalten hatten, in Erklärungsnotstände gerieten, wenn es darum ging, das Verschwinden ihrer Partnerin zu erklären. Häufig gab es Erklärungsversuche, wie „Sie hat wohl einen anderen und ist mit ihm ins Ausland gegangen“. Zudem zeigte sich, dass es einige Zeit brauchte und auch erst häufig auf energischen Druck anderer, bis es zu der Erstattung einer Vermisstenanzeige kam, denn die Täter fürchteten, dass sie die „Hoheit“ über die Nachforschungen verloren, wenn erst einmal die Polizei eingeschaltet ist und von dort aus unabhängigen und selbstständigen Recherchen erfolgen.

Ist der eigene Partner nicht immer der erste Verdächtige bei den Ermittlern?

Profiler Axel Petermann: Natürlich sollte bei einer Vermisstenanzeige auch stets der Ermittlungsansatz verfolgt werden, dass der Ex-Partner oder Partner für das Verschwinden der Frau verantwortlich ist. Doch hier sollte mit einem möglichen Tatvorwurf sorgsam umgegangen werden, denn nicht immer ist der Grund für das Verschwinden einer Person darin zu sehen, dass diese auch einem Verbrechen zum Opfer fiel. Erst wenn alle anderen Möglichkeiten, wie freiwilliges Verschwinden, Suizid oder ein Unglücksfall ausgeschlossen werden können, dann muss man sich bei den Recherchen sehr konsequent mit dem (Ex-)Partner und der Persönlichkeit des Vermissten auseinandersetzen, um auf ein mögliches Motiv der Tat zu stoßen. Parallel dazu sind neben einer Öffentlichkeitsfahndung, verschiedene Überwachungsmaßnahmen bei den in Verdacht geratenen Personen durchzuführen und Menschen zu befragen, die die vermisste Person kannten.

Meist sind Trennungsabsichten der Auslöser für derartige Tötungsdelikte. Angesichts ihrer langjährigen Ermittlungserfahrung, wie haben Sie derartige Fälle erlebt?

Profiler Axel Petermann: Ich weiß heute nicht mehr genau, wie häufig ich Fälle des Intimizides oder Femizides bearbeitet habe, doch immer dann, wenn eine Frau getötet wurde – abgesehen von den doch selteneren Sexualmorden – waren die (Ex-)Partner die Täter. Manchmal riefen sie sogar nach den Taten bei der Polizei an, um sich zu erklären. In der Regel auch mit der Erklärung einhergehend, dass die Tötung nicht geplant gewesen sei und nach einer gescheiterten letzten Aussprache erfolgte und die Frau bei ihrer ablehnenden Haltung geblieben war. Eines einte jedoch häufig die Täter, wenn sie sagten: „Wenn ich Dich nicht haben kann, dann soll Dich auch kein anderer bekommen“. Manchmal handelt es sich bei den Tötungen um „eine finale Bankrottreaktion“, die Erkenntnis, im Leben versagt zu haben: Verlust der Arbeit, Verlust des Partners und der Kinder, dazu Alkoholabusus. Kurz gesagt: ein affektives Erdbeben, das alles zerstört.
Damit einhergehend ein nach dem Verbrechen meist völlig ratloser Täter, der sich fragt: „Was habe ich da Wahnsinniges gemacht?“ und erst später realisiert, was passiert ist. Und noch eine Parallele habe ich bei den verschiedenen Verbrechen beobachtet: Bei einem Intimizid spielt (eine auch vermeintliche) Zurückweisung eine wichtige Rolle, eine narzisstische Kränkung, bei der das eigene Selbstwertgefühl des Täters völlig erschüttert ist. Warum verlässt sie mich? Weil ich in allen Lebenslagen versagt habe und, weil ich bankrott bin?

Immer wieder erleben auch die Kinder hautnah die Taten. Was geht in einem solchen Moment in einem Täter vor, dass sein eigenes Kind Zeuge der Tat wird?

Profiler Axel Petermann: Es geht vornehmlich um eine narzisstische Kränkung. Für den Täter stellt sich diese als ein zweistufiger Prozess dar. In der ersten Phase erlebt er aus seiner Sicht eine langfristige Kränkung, die Tage, Wochen, Monate oder auch Jahre andauern kann. Nach und nach entwickelt sich eine latente Tatbereitschaft für die Tötung des (früheren) Intimpartners, bei der im übertragenen Sinne die Würfel gefallen sind. In der dann letztendlich akuten und finalen Tatsituation empfindet der Täter die konsequente und ablehnende Haltung der Frau als eine erneute Provokation, also als eine Beleidigung, die eine zusätzliche Kränkung in sich birgt. Ich nehme an, dass diese dann als Auslöser wirkt, in gewisser Weise der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt und die Impulskontrolle völlig versagen lässt. Da stört es den Täter auch nicht, wenn die eigenen Kinder zu Tatzeugen werden können. Doch nicht alle Taten enden damit. Immer wieder werden auch die Stiefkinder oder die gemeinsamen Kinder getötet. Die Täter scheinen dann davon überzeugt zu sein, dass sie die Kinder vor einem nicht lebenswerten Leben schützen mussten – ohne die getötete Mutter oder den inhaftierten Vater, wenn er sich denn nach den Tötungen nicht final selbst suizidierte.