Das Thema „Vermisst“: Interview mit Profiler Axel Petermann

Dr. Tino Grosche hat sich mit Profiler Axel Petermann über das Thema Vermisst unterhalten. Hier können sie das spannende Interview noch einmal nachlesen.

Wann gilt ein Mensch als vermisst?

Profiler Axel Petermann

Profiler Axel Petermann: Verlässt ein erwachsener Mensch aus unbekannten Gründen seinen gewohnten Lebenskreis und ist sein neuer Aufenthaltsort nicht bekannt, so erstatten Angehörige oder Bekannte regelmäßig bei der Polizei eine Vermisstenanzeige. Doch nicht immer muss es sich dabei aus Sicht der Polizei um einen Vermisstenfall handeln. Die Gründe für das Verschwinden können nämlich mannigfaltig sein, wie zum Beispiel der Wunsch ein neues Leben zu beginnen, Streit in der Beziehung oder einfach einmal für ein paar Tage abzuschalten, um neue Kraft zu tanken. Ein solches Verhalten steht jedem Menschen zu, denn er hat grundsätzlich das Recht sein Leben so zu gestalten, wie er möchte.

Erst dann, wenn für die verschwundene Personen Gefahren drohen, sei es, dass sie sich in einer hilflosen Situation befindet, die Möglichkeit eines Unfalls, einer Selbsttötung oder gar eines Verbrechens besteht, liegt ein Vermisstenfall im rechtlichen Sinne vor.

Minderjährige, also Personen bis 18 Jahren, dürfen allerdings ihren Aufenthaltsort nicht selbst bestimmen. Sind diese ohne Angaben von Gründen verschwunden, so geht die Polizei bei grundsätzlich davon aus, dass eine Gefahr für Leib oder Leben besteht. Allein aufgrund ihres Alters gelten sie bereits als vermisst, wenn niemand weiß, wo sie sich aufhalten.

Ist Verschwinden keine Straftat?

Nein, jeder Mensch darf sein Leben so gestalten, wie er es möchte. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass er sich dabei gesetzeskonform verhält und nicht die Rechte anderer verletzt.
Natürlich kann das plötzliche und unangekündigte Verschwinden moralisch bedenklich oder gar verwerflich sein, da nahestehende Menschen über die Gründe und den neuen Lebensraum nicht informiert wurden, sie sich sorgen, doch auch dies ist in unserer Gesellschaft und dem Leben miteinander hinzunehmen.

Wie arbeiteten die Ermittler bei einer Vermisstensache?

Ermittler prüfen die Gründe des Verschwindens. Dafür wird Kontakt mit Familienangehörigen, Bekannten oder Freunden aufgenommen, die Persönlichkeit der verschwunden Person bewertet, um die Umstände des Verschwindens zu prüfen. Sollte sich dabei herausstellen, dass die Person offenbar freiwillig seinen Lebensraum verlassen hat, so erfolgt keine weitere Suche, denn es ist nicht Aufgabe der Polizei, Aufenthaltsermittlungen durchführen, wenn keine Gefahren für Leib oder Leben vorliegen.

Sollten jedoch Gefahren vorliegen, so wird die Person gesucht und im polizeiinternen Fahndungssystem INPOL zur „Aufenthaltsermittlung“ ausgeschrieben. Kann die Person dann ermittelt werden, wird sie befragt, ob sie damit einverstanden ist, dass Angehörige und Bekannte ihren neuen Aufenthaltsort erfahren. Wird dies verneint, so hat die Polizei diesen Wunsch zu akzeptieren.

Sollten sich zudem keine Hinweise ergeben, dass der Vermisste nicht Opfer einer Straftat wurde oder selbst gegen Gesetze verstoßen hat, enden die polizeilichen Ermittlungen; die Akte wird geschlossen.

Dr. Tino Grosche

Gibt es eine Möglichkeit, den Vermissten auch nach so langer Zeit – falls ein Leichnam gefunden wird zu identifizieren?

Ja, diese Möglichkeit gibt es tatsächlich. Durch die Eingabe der Daten einer vermissten Person in das INPOL erfolgt automatisch die Aufnahme in die Datei Vermisste/unbekannte Tote (Vermi/Utot) des BKA. In dieser Datei sind die Daten aller in Deutschland vermissten Menschen, die Beschreibung von unbekannten Toten und hilflosen Personen registriert.

Durch einen rechnergestützten Vergleich über die Beschreibung der Person und die Fallumstände, sollen Zusammenhänge zwischen vermissten Personen und unbekannten Leichen bzw. nicht identifizierten hilflosen Personen hergestellt werden. Sofern die Recherchen Parallelen ergeben, werden die zuständigen Polizeidienststellen informiert, die dann den direkten Abgleich anhand der vorliegenden Personenbeschreibungen, Körpermerkmale, Fingerabdrücken, Angaben zum Zahnstatus oder der DNA durchführen.

Reichen die vorhandenen Merkmale für eine zweifelsfreie Identifizierung nicht aus, erfolgt ein DNA-Abgleich. Konnte durch diese Maßnahmen die Vermisste Person identifiziert werden, so werden die Angehörigen benachrichtigt und die zuvor gespeicherten Daten werden gelöscht. Besteht der Verdacht eines Verbrechens, beginnt die Suche nach dem Täter.